Explosionen und Ketamin am Frankfurter Tor

20.Juli 2016

Menschen schreien. 

Immer mehr Leute versammeln sich auf der Frankfurter Allee und starren fassungslos in die Flammen.  Um die 200 Personen hat es innerhalb weniger als 5 Minuten auf den Platz getrieben. Es passiert eben nicht oft, dass ein LKW einfach so beim Vorbeifahren direkt vor deiner Nase explodiert. Eine 30 Meter hohe Rauchflamme schießt in den Himmel, welche die Straßenlaterne zersprengt und den Boden zum Vibrieren bringt.

Nichts ahnend hatte ich mir kurz zuvor eine kurzen, blauen, hautengen Kinder-Speedo von Disney’s "Cars" über die Jeans gezogen und eine drollig bunte Bommelmütze aufgesetzt, welche fett mit dem Stadtnamen Madeira und ulkigen madeirischen Trachtenfrauen bestickt war. Ich sehe bescheuert aus. Passiert auch nicht so oft - denke ich wenigstens. Aber Hauptsache ich bereite meinen Freunden eine Freude (Was ich damit auch sichtbar schaffe).

Es war eher ein einmaliger Moment - eine nette Geste, um meinen Freunden zu zeigen wie sehr ich ihre Geschenke schätzte. Die Tatsache, dass sie in Luzern eine Trachtenmütze aus Madeira kaufen, macht noch einmal deutlich, wie bescheuert die Mütze auf meinem Kopf aussehen muss.

Auf jeden Fall explodiert exakt in dem Moment ein paar Meter hinter uns der LKW.

Ein gewaltiger Wumms. Die Menschen um uns herum sind irritiert und schauen gebannt auf die Flammen.  Da ich Explosionen von Filmen und der Disneyland Stuntshow gewohnt bin, weiß ich nicht genau,  ob man in diesem Moment lieber wegrennen oder hinrennen sollte. Ich schaue mich um.

„Jowwww - Keanu Reeves hats verkackt“, ist der erste Satz den ich höre (eine schlechte Speed-Referenz).

In Berlin hat keiner Angst vor Attentätern - die letzten Morde waren hier gefühlt zu RAF Zeiten, was wahrscheinlich auch der primäre Grund ist, warum die Mehrheit der Menschen nicht vor dem möglichen ISIS Attentat Auftakt wegrennen, sondern viel lieber das Lagerfeuer von näher betrachten wollen.

Wie die Mücken schwirren die Menschen um den brennenden LKW herum - ohne so Recht zu wissen, ob es noch einen Knall geben wird oder was das Ganze zu bedeuten hat. Es werden einfach immer mehr. Und alle machen Fotos. Der brennende LKW lockt eine riesige Menschenmasse an, sodass sich spätestens jetzt die zweite richtige ISIS Explosion lohnen würde - es passiert aber nichts. Ich beruhige mich.

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Meine Fotos schafften es später übrigens am weitesten von allen: auf RBB Online, ins rumänische Fernsehen und wurden zahlreich ohne Credits auf Twitter geshared. Nice. 

Ja ich habe sogar zugegeben keine 5 Minuten danach einen Bloom erstellt, bis ein kleines Mädchen hinter mir sagt:

„Der ist bestimmt Tod der Kerl - der ist ganz klar tot!“ - Oh. Sie meint den Fahrer. Daran habe ich noch nicht gedacht. Bei den explodierenden Autos in Kinofilmen denkt man halt auch nicht direkt an den Fahrer der im Wagen saß - leider.

Es ist ein kleines Mädchen mit gefärbten Haaren und einer sehr markanten ‚verlebten’ rauhen Stimme. „Die Punks aus der besetzten Rigaer haben damit nichts zu tun“, sagt sie: „ich wohne da auch, ich wüsste das“. Sie schwingt sich auf ein Metallgeländer und beobachtet wie die Feuerwehr anreist und versucht die Fahrertür aufzuschneiden. Sie wirkt wie eine 40 jährige Agentin im Körper einer 12 jährigen - ich vertraue ihr nicht, meinen Freunden geht es genau so. Sie wirkt wie eine Gang Anführerin. 

„Es ist seltsam, dass nur die Fahrerkabine explodiert ist und der Rest nicht brennt“, sagt ein Freund: „fast so…als wäre da etwas drin gewesen von dem keiner was wissen sollte.“ Das Mädchen schaut zu uns mit strengen zugekniffenen Augen rüber - wir haben Angst. Sie beobachtet wie der LKW runter brennt.

Irgendwas stimmt hier nicht - mir schießen die absurdesten Verschwörungstheorien durch den Kopf. Die Berliner um mich herum scheinen schon wieder komplett das Interesse verloren zu haben: Mein einer Freund stickert wieder gemütlich neben dem LKW die Laternen zu ... 

... und der andere spielt auf der freien Straße mit einem herrenlosem Gummireifen. 

Bei dem restlichen 'Publikum' das gleiche. Einige fangen inzwischen sogar an lieber mich zu fotografieren. Entweder weil ich gerade wie ein Schlumpf aussehe oder weil ich zu viel weiß. Hm. Ich lehne mich zu der Kleinen und zische ihr leise entgegen: „wenn ihr den LKW echt nicht angezündet habt, was denkst du was da passiert ist?“ Sie sagt mir, dass sie das nicht sagen kann, sie aber davon ausgeht, dass die ‚Bullen‘ es wieder ihnen in die Schuhe schieben werden. 

Sie schaut in die Flammen und klingt dabei wie Morgan Freeman. 

Langsam scheine ich die Situation zu verstehen. Man macht immer noch Fotos von mir. Ich stehe neben ihr und schau unauffällig nach vorne, sodass niemand merkt dass wir weiter miteinander reden „hm, ok.“, flüstere ich: „und wenn das wirklich ein Komplott sein sollte: schließen wir uns zusammen und finden heraus wer der wahre Täter ist?“

Sie sagt stumpf nein. Ich gehe weg. 

An einem Krankenwagen frage ich einen Sanitäter ob jemand verletzt sei. "Alles unter Kontrolle" sagt er mit einer salutierenden G.I. Joe Bewegung - macht aber selbst den Eindruck nicht wirklich an dem Einsatz beteiligt zu sein. Es ist ein typisch dicklich nerdiger Sanitäter, welchen man stereotypisch auch in jedes Freiwillige Feuerwehr und/oder Festivalsanitäter-Zelt Szenario platzieren könnte. 

Eigentlich wollte ich auch gar nicht mehr wissen - keine Ahnung wie er es geschafft hat die Unterhaltung in Richtung Rauschgift und Keta zu lenken. Es war gefühlt sowas wie „Hey magst du Keta? Hättest du gedacht, dass unser GANZER Wagen voller Keta ist?“ Entweder hat er das gesagt, weil ich gerade wie ein Schlumpf aussehe oder weil ich zu viel weiß.

Ich regiere skeptisch und sage ihm dass ich nicht in den Wagen steigen werde, wenn das seine Absicht sei.  Er erzählt mir davon, dass jeder Einsatzwagen für den Fall dass Patienten mal ordentlich betäubt werden müssen, immer Keta dabei haben muss.

Klingt erstmal logisch. Außerdem verrät er mir, dass er privat auch ein stattliches Sortiment besitzt, da er auf Festivals immer den Drogenleichen das Rauschgift abnehmen muss. Er zwinkert mir mit seinen Fettbäckchen zu, als wäre er ein Schul-Rowdie mit Lederjacke und Nietengürtel. 

„Sanitäter“, sagt er: „die besorgen dir das Zeug, das dich richtig umhaut.“

Glaub ich ihm - ob ich sowas möchte weiß ich aber nicht. Aber so gesehen: Immer gut einen Dealer zu haben, der auch erste Hilfe kann.