"Lege heute auf! Schnäpse und Blowjobs 4 Free!"

15.Juli 2016

Ein recht ungewöhnlicher Bloom.
Zuerst dachte ich an einen Spaß-Bloom,
aber vor Ort merkte ich, dass er ernst gemeint war.
Besonders mit den Schnäpsen.

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Wer auf der Boxhagener Straße steht braucht nicht lange um die Große Freiheit No.114 zu entdecken. Die prall mit Seemannsgarn gefüllte Schaufensterfront strahlt die Hamburger Schifffahrtsmentalität wieder wie keine andere Bar in Berlin. Auffällig ist der Hinweis, dass es sich um eine reine „Männerwirtschaft“ handelt. Ich höre Gelächter und poppige 80er Jahre Musik von innen hinaus dröhnen. Gute Stimmung - Sehr gut.

Scheint entweder gerade Freischnäpse oder Blowjobs zu geben. Ich gehe hinein.

Innen fühlt sich alles an wie unter Deck. Eine rot geflutete Seemanns Bar, welche neben Kicker, Dart und Musikbox auch einen Darkroom besitzt. Da scheint es wohl die Blowjobs zu geben. Beim Vorbeilaufen drückt mir eine gut gelaunte Barkraft direkt ein Shotglas in die Hand. Freischnaps.

Der Bloom hat die Warheit gesagt. Ich scheine so zufrieden in dem Moment zu sein, dass ein Typ sich zu mir rüber beugt und davon erzählt, dass es hier fast täglich so ist. Am Tag zuvor soll es pro Bier ein Korn auf’s Haus gegeben haben. Ein Paradies für Sparfüchse (und angehende Alkoholiker). Frauen gibt es sogar auch, aber nur samstags.

Am DJ Pult steht eine zierliche Drag Queen mit dicker lockiger Mähne: 
Fixie Fate, von ihr war der Bloom.

Ich winke ihr mit meinem Smartphone zu. Als sie ihren geöffneten Bloom auf dem Display sieht, schreit sie ins Mikro, dass der Barkeeper eine Runde für den neuen Gast schmeißen soll. Gesagt getan. Ich unterhalte mich mit einem etwas schlacksigen Kerl an der Bar: Karl.

Karl kommt frisch aus den 90ern, viel zu enges schwarzes Shirt, kurze glänzende glatt zur Seite gestriegelte Haare mit tiefem Blick und einer langen zackigen Nase. Von seiner Art könnte er im Grunde auch ein guter Physik Referendariat sein. Er erzählt mir, dass in Berlin unzählige Partytransen herumrennen. Hauptberuflich verdienen aber davon nur ca. 10 regelmäßig und ca. 15 weitere unregemäßig damit Geld. Fixie gehört also zu besonderen Drags die regelmäßig gebucht werden - Vorallem nachdem sie letztes Jahr im Kurhaus Korsakow zur Spargelkönigin gewählt wurde. 

Obwohl sie nicht so groß und bunt wie der gewohnte Olivia Jones - Stereotyp ist, scheint sie durch ihre große Klappe Aufsehen zu erregen. Mal positiv, mal negativ, da sie immer allen etwas sehr offen ins Gesicht sagt, was sie von ihnen denkt. Muss man mit umgehen können.

Als sich Karl etwas zu trinken holen will, drückt sich Fixie dazwischen. Es gab zwischendurch einen DJ Wechsel. Karl fragt ob er ihr etwas mitbringen soll - Bier, Wein, Sekt? Fixie sagt ‚genau danke‘ und wendet sich zu mir.

Sie merkt schnell, dass ich fasziniert ihr Gesicht mustere. Es fällt mir schwer zu sehen, wie Fixie im Alltag aussieht. Vielleicht sieht sie sogar immer so aus? Fixie fängt an zu lachen.

Ihr komplettes Leben könnte sie nicht so herumlaufen. Nach spätestens 3 Tagen braucht sie es auch mal, ihre ‚Rolle‘ fallen zu lassen. Drag zu sein ist etwas besonderes. Man schminkt sich schonmal 1-2,5 Stunden, da man zuerst den Mann weg schminken und dann die überspitzt Frau drauf schminken muss (Gloria Viagra Zitat).   

Schminken, rausgehen, bewundert werden und im Mittelpunkt stehen ist schön. Aber Fulltime Drag zu sein wäre anstrengend, vorallem für die Umwelt.

Auf der Bühne können zwar alle sich darüber amüsieren, aber auf der Straße mit Drags konfrontiert zu werden ist dann doch für manche etwas ungewohnt. Deutsche Spießer reagieren auf sie wesentlich radikaler als muslimische Muttis. Auf der Hermannstraße hat niemand so wirklich Probleme damit, dort pfeifen sie ihr Teils hinterher. 

So wurde sie zum Beispiel in Berlin schon 4 Mal von arabischen Taxifahrern mit dem Satz „Huch hab vergessen das Taxameter anzumachen, können wir das auch anders lösen?“ angebaggert.

Die offensten Personen sind meistens die, von denen man es gar nicht vermutet. Einmal wurde Fixie von “einer etwas bekannteren deutschen Motorradgang” gebucht, um auf ihrer Jubiläumsfeier zu strippen. Anfangs dachte Fixie es wäre eine geplanter Hinterhalt - am Ende des Abends war es ihr bisher bestes Publikum.

Als Fixie Bloom anspricht swipe ich nebenbei durch die Veranstaltungen und entdecke, dass es am Hermannplatz gratis Vodka bei einer Vernissage gibt. Keine 10 Sekunden später hat Fixie ein Taxi bestellt.

Wir steigen ein.
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